2014. május 20., kedd

Lilli Fredrich: „ Das Silber, das Silber!”



Lorchen, der Papagei, hatte Fräulein Einecke, sine junge Herrin, überaus lieb. Nähte oder stopfte sie, so saß er auf ihrer Schulter, putzte sie Gemüse, so hockte er auf dem Rand der Schüssel und beobachtete tiefsinnig dei in sie hineinfallenden Kohlrabi- oder Mohrrübenstückchen, und weinte sie gar, was auch einmal vorkam, so drängte er sich dicht an sie heran und trocknete ihr die Tränen mit seinen Flügeln ab.

Daß Fräulein Einecke stricke, mochte er gar nicht gern sehen, und wenn sie bei dieser nutzbringenden Beschäftigung war, zog er ihr immer eine Nadel aus dem Strumpf.

„Du Lump, du!” pflegte sie dann wohl zu drohen und hob warnend den Finger in die Höhe.

„Kec, keck, keck!” verteidigte er sich, beugte sich neckisch vor, gerade als wenn er sagen wollte: „Warum strickts du denn soviel? Hast du nicht auch für meine Unterhaltung zu sorgen?” und hatte ihr rasch wieder eine Nadel aus dem Strumpf gezogen.

Während des Mittagessens saß er ganz gesittet und mit vielem Anstand neben ihrem Teller. Stand sie aber auf, um draußen nach dem Rechten zu sehen, so glaubte er nich anders, als daß der ganze Rest sein Anteil wäre, und machte sich zierlich an die Vertilgung desselben.

Sobald man in der Küche mit den Kaffeetassen klapperte, kam eine große Unruhe über ihn. Das Decken des Kaffeetisches verfolgte er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und übte strenge Aufsicht dabei. Letztere ging soweit, daß er, wenn alles fertig war, rund um den Tisch hüpfte und seinen krummen Schnabel in jede einzelne Tasse steckte.

Er konnte es durchaus nicht vertragen, daß seine junge Herrin ausging und ihn allein ließ, und merkte er, daß sie sich zum Fortgehen rüstete, so knüpfte er ihr schnell die Nestel der Schuhe auf, als wenn er sie auf diese Weise von ihrem Vorhaben abhalten könnte.

Einmal setzte sie in seiner Gegenwart den Strohhut auf. Das reizte ihn fürchterlich. Er flog ihr auf den Kopf und hackte euf den Hut los, daß die Stücke flogen. Das war nicht hübsch von ihm. Desto rührender aber war die tiefe Trauer, mit welcher er sie an der Stubentür erwartete, wenn sie wirklich ausgegangen war. Mit traurig gesenktem Kopf saß er dann regungslos auf dem Fußboden, und aß und trank nicht, bis sie wiederkam.

Reichte man ihm etwas Eßbares, rief er immer gleich begeistert: „ Ein Kuchen, ein Kuchen!” ganz gleich, ob man ihm Fleisch, Zucker oder einen Apfel bot. War aber Damengesellschaft im Hause, schrie er so lange: „ Ein Kuchen, ein Kuchen!” bis man ihm mit einem möglichst großen Stück desselben den Schnabel stopfte.

War viel Besuch im Hause, so zeigte er sich fast immer von seiner schlechtesten Seite, er lärmte und schrie, daß die anderen kaum ihr Wort verstanden, und man konnte sich bei Gesellschaften oft nicht anders helfen, als daß man eine Decke über sein Bauer warf. Dann war er still.

Lorchens Bauer stand im Eßzimmer. Man ließ es aber täglich für längere Zeit heraus, damit es sicht die nötige Bewegung machen solle. Das tat es auch zur Genüge und staunte die Gegenstände im Zimmer immer von neuem an. Da stand zum Beispiel eine silberne Bowle, ein altes, kostbares Familienerbstück, welches Frau Einecke besonders lieb geworden war. Lorchen mußte gleichfalls viel Kunst- und Familiensinn besitzen: es bewunderte die Bowle immer wieder und sagte dabei stets ausdrucksvoll: „Das Silber, das Silber!”

Eines Nachts meinte der junge Bruder von Fräulein Einecke, welcher nicht weit vom Eßzimmerschlief, Lorchen fortwährend: „ Das Silber, das Silber!” rufen zu hören. Wenn es dunkel war, pflegte sich Lorchen sonst stets ruhig zu haben: er legte sich auf die andere Seite und versuchte weiter zu schlafen.

Nun aber kreischte Lorchen ganz deutlich: „Das Silber, das Silber!”

„Wenn Lorchen mir auch fernerhin die Nachtruhe stört, muß es einen anderen Platz erhalten”, überlegte er mißmutig und drechte sich wieder um.

„Das Silber, das Silber!” erklang es jetzt so scharf und kreischend, als wenn der Papagei im gleichen Zimmer wäre.

„Du mußt einmal nachsehen, ihm fehlt sicher etwas”, dachte der junge, in seinem Schlaf gestörte Herr. Er machte Licht, kleidete sich notdürftig an, warf in seiner Eile einen Stuhl um, der polternd zur Erde fiel, und erschien im Eßzimmer, auf dessen Schwelle er wie gebannt stehen blieb.

In dem Raum sah es aus, als wäre Jahrmarkt gewesen. Alle Schränke waren aufgerissen und ihr Inhalt auf Tisch und Fußboden in heilloser Unordnung durcheinandergestreut. Die alte Bowle befand sich nicht an ihrem Platz, sie stand in Lorchens Nähe, auf Fräulein Eineckes Nähtisch, und schien so hastig niedergestellt worden zu sein, daß sie jeden Augenblick herunterstürzen konnte. Auf dem Fensterbrett lag ein zusammengeknüpftes Tischtuch, das die verschiedensten Gegenstände zu enthalten schien: das Fenster selbst aber stand weit offen.

Unwillkürlich beugte sich Herr Einecke hinab und sah noch einen dunklen Schatten um die Hausecke biegen und verschwinden. Also waren Diebe in der Wohnung gewesen! Über das Spalier am Haus waren sie in dieselbe gelangt und hatten sie auch auf gleichem Wege verlassen.

Augenscheinlich hatten Lorchens Geschrei und das Poltern des Stuhles sie erschreckt, und die zogen es vor, um ihrer Sicherheit willen auch ohne die schon zusammengeraffte und sie beim Abstieg hindernde Beute das Weite zu suchen.

So war es auch. Es felhten nur wenige unbedeutende Gegenstände, welche die Diebe jedenfalls gleich beim Suchen in ihren Taschen hatten verschwinden lassen. Kein Mensch war froher als Frau Einecke, daß sie die ihr werte alte Bowle noch hatte, und am nächsten Morgen erhielt Lorchen für seine Treue und Wachsamkeit außer vielen Schmeichelworten ein großes Stück Kuchen ganz für sich allein.



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