Lorchen, der Papagei, hatte Fräulein
Einecke, sine junge Herrin, überaus lieb. Nähte oder stopfte sie, so saß er auf
ihrer Schulter, putzte sie Gemüse, so hockte er auf dem Rand der Schüssel und
beobachtete tiefsinnig dei in sie hineinfallenden Kohlrabi- oder
Mohrrübenstückchen, und weinte sie gar, was auch einmal vorkam, so drängte er
sich dicht an sie heran und trocknete ihr die Tränen mit seinen Flügeln ab.
Daß Fräulein Einecke stricke, mochte er
gar nicht gern sehen, und wenn sie bei dieser nutzbringenden Beschäftigung war,
zog er ihr immer eine Nadel aus dem Strumpf.
„Du Lump, du!” pflegte sie dann wohl zu
drohen und hob warnend den Finger in die Höhe.
„Kec, keck, keck!” verteidigte er sich,
beugte sich neckisch vor, gerade als wenn er sagen wollte: „Warum strickts du
denn soviel? Hast du nicht auch für meine Unterhaltung zu sorgen?” und hatte
ihr rasch wieder eine Nadel aus dem Strumpf gezogen.
Während des Mittagessens saß er ganz
gesittet und mit vielem Anstand neben ihrem Teller. Stand sie aber auf, um
draußen nach dem Rechten zu sehen, so glaubte er nich anders, als daß der ganze
Rest sein Anteil wäre, und machte sich zierlich an die Vertilgung desselben.
Sobald man in der Küche mit den
Kaffeetassen klapperte, kam eine große Unruhe über ihn. Das Decken des
Kaffeetisches verfolgte er mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und übte strenge
Aufsicht dabei. Letztere ging soweit, daß er, wenn alles fertig war, rund um
den Tisch hüpfte und seinen krummen Schnabel in jede einzelne Tasse steckte.
Er konnte es durchaus nicht vertragen,
daß seine junge Herrin ausging und ihn allein ließ, und merkte er, daß sie sich
zum Fortgehen rüstete, so knüpfte er ihr schnell die Nestel der Schuhe auf, als
wenn er sie auf diese Weise von ihrem Vorhaben abhalten könnte.
Einmal setzte sie in seiner Gegenwart den
Strohhut auf. Das reizte ihn fürchterlich. Er flog ihr auf den Kopf und hackte
euf den Hut los, daß die Stücke flogen. Das war nicht hübsch von ihm. Desto
rührender aber war die tiefe Trauer, mit welcher er sie an der Stubentür
erwartete, wenn sie wirklich ausgegangen war. Mit traurig gesenktem Kopf saß er
dann regungslos auf dem Fußboden, und aß und trank nicht, bis sie wiederkam.
Reichte man ihm etwas Eßbares, rief er immer
gleich begeistert: „ Ein Kuchen, ein Kuchen!” ganz gleich, ob man ihm Fleisch,
Zucker oder einen Apfel bot. War aber Damengesellschaft im Hause, schrie er so
lange: „ Ein Kuchen, ein Kuchen!” bis man ihm mit einem möglichst großen Stück
desselben den Schnabel stopfte.
War viel Besuch im Hause, so zeigte er
sich fast immer von seiner schlechtesten Seite, er lärmte und schrie, daß die
anderen kaum ihr Wort verstanden, und man konnte sich bei Gesellschaften oft
nicht anders helfen, als daß man eine Decke über sein Bauer warf. Dann war er
still.
Lorchens Bauer stand im Eßzimmer. Man
ließ es aber täglich für längere Zeit heraus, damit es sicht die nötige
Bewegung machen solle. Das tat es auch zur Genüge und staunte die Gegenstände
im Zimmer immer von neuem an. Da stand zum Beispiel eine silberne Bowle, ein
altes, kostbares Familienerbstück, welches Frau Einecke besonders lieb geworden
war. Lorchen mußte gleichfalls viel Kunst- und Familiensinn besitzen: es
bewunderte die Bowle immer wieder und sagte dabei stets ausdrucksvoll: „Das
Silber, das Silber!”
Eines Nachts meinte der junge Bruder von
Fräulein Einecke, welcher nicht weit vom Eßzimmerschlief, Lorchen fortwährend:
„ Das Silber, das Silber!” rufen zu hören. Wenn es dunkel war, pflegte sich
Lorchen sonst stets ruhig zu haben: er legte sich auf die andere Seite und
versuchte weiter zu schlafen.
Nun aber kreischte Lorchen ganz deutlich:
„Das Silber, das Silber!”
„Wenn Lorchen mir auch fernerhin die
Nachtruhe stört, muß es einen anderen Platz erhalten”, überlegte er mißmutig
und drechte sich wieder um.
„Das Silber, das Silber!” erklang es
jetzt so scharf und kreischend, als wenn der Papagei im gleichen Zimmer wäre.
„Du mußt einmal nachsehen, ihm fehlt
sicher etwas”, dachte der junge, in seinem Schlaf gestörte Herr. Er machte
Licht, kleidete sich notdürftig an, warf in seiner Eile einen Stuhl um, der
polternd zur Erde fiel, und erschien im Eßzimmer, auf dessen Schwelle er wie
gebannt stehen blieb.
In dem Raum sah es aus, als wäre
Jahrmarkt gewesen. Alle Schränke waren aufgerissen und ihr Inhalt auf Tisch und
Fußboden in heilloser Unordnung durcheinandergestreut. Die alte Bowle befand
sich nicht an ihrem Platz, sie stand in Lorchens Nähe, auf Fräulein Eineckes
Nähtisch, und schien so hastig niedergestellt worden zu sein, daß sie jeden
Augenblick herunterstürzen konnte. Auf dem Fensterbrett lag ein
zusammengeknüpftes Tischtuch, das die verschiedensten Gegenstände zu enthalten
schien: das Fenster selbst aber stand weit offen.
Unwillkürlich beugte sich Herr Einecke
hinab und sah noch einen dunklen Schatten um die Hausecke biegen und
verschwinden. Also waren Diebe in der Wohnung gewesen! Über das Spalier am Haus
waren sie in dieselbe gelangt und hatten sie auch auf gleichem Wege verlassen.
Augenscheinlich hatten Lorchens Geschrei
und das Poltern des Stuhles sie erschreckt, und die zogen es vor, um ihrer
Sicherheit willen auch ohne die schon zusammengeraffte und sie beim Abstieg
hindernde Beute das Weite zu suchen.
So war es auch. Es felhten nur wenige
unbedeutende Gegenstände, welche die Diebe jedenfalls gleich beim Suchen in
ihren Taschen hatten verschwinden lassen. Kein Mensch war froher als Frau
Einecke, daß sie die ihr werte alte Bowle noch hatte, und am nächsten Morgen
erhielt Lorchen für seine Treue und Wachsamkeit außer vielen Schmeichelworten
ein großes Stück Kuchen ganz für sich allein.

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