Frau Gärtner hatte ein schmuckes, kleines
Landhaus in einem Badeort, das sie während des Sommers an Badegäste vermietete.
Sie war stolz auf ihr Besitztum: die Wände des Hauschens waren in zartem Grau
gehalten, die Ziegel der Veranda rot gestrichen, und in dem Vorgärtchen
prangten Vergißmeinnicht- und Nelkenbeete. Auch großblättriger Efeu rankte sich
an dem Haus hinauf und bildete um die Fenster ein dichtes, üppiges Gewirr, in
dem seit einem Jahr auch Stare nisteten.
Zu Hunderten und Aberhunderten erschienen
die Stare auf der schönen Nordseeinsel: oft kamen sie bereits, wenn die
Schneeflocken noch in buntem Tanze wirbelten, und da sie von Haus aus etwas
bequem veranlagt waren und sich mit dem Nestbau nicht gern Mühe machten, so
suchten sie sich in hohlen Bäumen, Mauerlöchern und den für sie ausgehängten
Starenkästen einen Unterschlupf.
Auch Frau Gärtners Efeu behagte ihnen.
Seine dicken, stämmigen Äste waren ein fenster Grund, auf dem man leicht und
mühelos weiterbauen konnte. So hatte sich im vorigen Frühling ein Starenpärchen
in ihm angesiedelt, zweimal hatte es im Lauf des Sommers Junge ausgebrütet und
sie zur Vertilgung der Raupen, Käfer und anderer Insekten schleckt und recht
angehalten.
Die Badegäste von Frau Gärtner beklagten
sich täglich aufs neue über die Stare. Andere Leute pflegten erst nach getaner
Tagesarbeit Musik zu machen, die Stare aber pfiffen schon in aller
Herrgottsfrühe, noch ehe die aufgehende Sonne Zeit gefunden hatte, einen Blick
auf das tauglitzernde Feld zu tun. Schmetternd und lustig ertönte ihre Weise
und weckte die Badegäste aus süßem Morgenschlummer.
Auch aus einem anderen Grund war Frau
Gärtner mit ihren neuen Mietern nicht zufrieden. Deren Begriffe über Sauberkeit
waren völlig unzulänglich, denn die grauen Wände des Häuschens trugen
verschiedene Spuren ihrer Anwesenheit, und das war eine stete Quelle des Ärgers
für die Besitzerin. Im Herbst, als die Stare weg waren, zerstörte sie darum das
Nest und tröstete sich damit, daß es den Vögeln im kommenden Frühjahr bald
genug gelingen würde, ein anderes Unterkommen zu finden.
Scheu lugten die ersten Veilchenknospen
hervor, als die Stare wiederkehrten. Sie hatten diesmal schönes Wetter mitgebracht
und gedachten nach einigen nötigen Ausbesserungen ihr altes Nest zu beziehen.
Ja, wenn es nur dagewesen wäre! Sie kriegten einen schönen Schreck, als sie es
nimmer entdecken konnten, flogen auf und nieder, und wie sie’s mit allem Suchen
nicht wieder an die alte Stelle zaubern konnten, begannen sie endlich ein neues
zu bauen.
Erst um die Mittagszeit flogen sie auf
die nicht allzuferne Wiese und kehrten nach einer Weile gestärkt und gesättigt
wieder zurück.
Frau Gärtner aber war inzwischen mit einem
Besenstiel vor der Haustür erschienen und hatte das Vormittagswerk der Vögel
zerstört. Deren Erstauen kannte nun keine Grenzen, verdutzt drehten sie den
dicken Kopf auf dem kurzen Halse hin und her und plusterten die blau und
grünlich schillernden Federn vor Entsezten weit auf. Das half aber alles
nichts, und unverdrossen fingen sie schließlich zum zweitenmal an. Es hatte
schon lange Feierabend geläutet, da gaben sie das Geschäft für heute auf und
suchten unter der Regentonne einen Unterschlupf.
Frau Gärtner stand am nächsten Morgen
noch früher auf, als die Stare. Ehe die Lerche ihr erstes Lied ertönen ließ,
war sie schon wach und kam mit einem weißen Laken bewaffnet vor die Haustür.
Sie befestigte dies am Efeu, daß auch kein Hälmchen von dem Starennest mehr zu
sehen war, ging dann erleichtert ins Haus und dachte die Stare vom Bodenfenster
aus zu beobachten.
Als die rote Sonne auf der Wiese die
Silbernebel zerteilte, erschienen diese, und der Anblick der hellen Wand,
welche ihnen das Nestchenverbarg, wirkte auf sie wie ein kalter Wasserstrahl.
Mit gramvollen Augen und keineswegs mit dem klügsten Ausdruck starrten sie auf
das weiße Tuch und flogen erst nach geraumer Zeit davon.
Frau Gärtner frohlockte, nun war sie die
unliebsamen Mieter los. Weit gefehlt! Bald stellten sich diese wieder ein, und
mit ihnen erschienen achtzig, neunzig, ja hundert andere Stare. Zu vieren,
fünfen setzten sie sich auf die Latten des Gartenzaunes, eine ganze lebende
Kette, und nun schrien, pfiffen und zankten sie, daß einem die Sinne schwinden
konnten.
Als sie sich endlich heiser geschrien
hatten, flogen sie mit gewaltigem Husch in die Höhe, aber nicht davon. Einer
nach dem anderen setzten sie sich am oberen Saum des Lakens nieder, daß es
aussah, als hätte dieses einen schwarzen Rand erhalten, und nun zogen sie mit
den Schnäbeln, zerrten mit den Füßen und zogen und zerrten, bis ratsch! der
obere Teil des Lakens sank und das Nest wieder frei wurde.
Wohlwollend und anerkennend blickten sie
dann gen Himmel auf, Frau Gärtner aber brach in ein klingendes Lachen aus und
dachte:
„Nun geb ich euch volle Bauerlaubnis. Ihr
habt sie euch redlich verdient!”

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